Im Zuge der jüngsten Massenübertritte von Migranten aus Marokko in die spanische Exklave Ceuta rückt die geopolitische Rolle Rabats erneut in den Fokus der europäischen Migrationspolitik. Der renommierte Migrationsforscher Gerald Knaus warnt in einem Interview, die Europäische Union müsse verhindern, „in der EU nicht mehr erpressbar zu sein“. Er verweist darauf, dass Marokko in der Vergangenheit bereits mehrfach durch Lockerungen der Grenzkontrollen gegenüber Migranten Druck auf die EU ausgeübt habe – etwa im Zusammenhang mit diplomatischen Auseinandersetzungen um die Westsahara oder Migrationsabkommen.
Knaus betont, dass die jüngste Krise kein spontanes Ereignis sei, sondern möglicherweise Teil einer strategischen Dynamik, bei der Migration als politisches Instrument eingesetzt werde. „Wenn ein Land wie Marokko die Grenzen zur spanischen Exklave vorübergehend nicht mehr kontrolliert, ist das kein Zufall – das ist ein Signal“, so der Experte. Er fordert die EU auf, langfristige, faire Partnerschaften mit nordafrikanischen Ländern einzugehen, statt nur reaktiv auf Krisen zu reagieren.
Die spanische Regierung hat Marokko offiziell nicht beschuldigt, die Grenzöffnung aktiv herbeigeführt zu haben. Dennoch mehren sich die Stimmen in Europa, die eine stärkere Abhängigkeit von marokkanischer Kooperation beim Grenzschutz kritisieren. Gleichzeitig betont Knaus, dass Marokko auch als wichtiger Partner im Kampf gegen irreguläre Migration fungiere – etwa durch die Abschiebung Tausender Migranten in ihre Herkunftsländer.
Die aktuelle Lage unterstreiche, so Knaus, die Notwendigkeit einer gemeinsamen europäischen Asyl- und Migrationsstrategie, die sowohl menschenrechtliche Standards wahrt als auch geopolitische Realitäten berücksichtigt. „Sonst“, warnt er, „werden wir immer wieder in solche Abhängigkeiten geraten – und die Stabilität Europas bleibt gefährdet.“
Quellen: ZEIT Online – Außenpolitik