AfD vereinnahmt Novalis: Streit um romantische Symbolik im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt

Im Hochlauf zum Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt ist eine neue Debatte über die politische Instrumentalisierung kultureller Symbole entbrannt. Ausgangspunkt ist Schloss Oberwiederstedt im Salzlandkreis, wo der frühromantische Dichter Novalis – eigentlich Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg – seine Kindheit verbrachte. Seit fast vier Jahrzehnten dient das Schloss als internationales Forschungs- und Bildungszentrum für Literatur und Philosophie der Romantik.

Doch nun beansprucht die AfD den Dichter für ihre politische Agenda. Auf Wahlkampfveranstaltungen und in sozialen Medien wird Novalis als Vordenker einer „organischen Heimatverbundenheit“ zitiert. Kulturschaffende und Historiker warnen davor, dass diese Darstellung den komplexen philosophischen Werk des Autors verkürzt und ideologisch vereinfacht. Die Romantik sei keine nationalistische Bewegung gewesen, sondern habe Vielfalt, Individualität und kritische Reflexion betont.

„Sie nehmen Fragmente aus Gedichten heraus und deuten sie um, als ginge es um ethnische Reinheit oder territoriale Abgrenzung“, kritisierte ein Mitarbeiter des Novalis-Archivs gegenüber der FAZ. Der geistige Kosmopolitismus Novalis’ werde dabei ausgeblendet. Auch die grüne Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz distanzierte sich von der Vereinnahmung: „Kultur darf nicht zur Propagandawaffe werden, schon gar nicht in Zeiten, in denen Worte wie ‚Heimat‘ instrumentalisiert werden.“

Die Auseinandersetzung zeigt, wie tief der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt bereits in symbolische und emotionale Bereiche eingreift. Während die AfD versucht, intellektuelle Legitimität durch literarische Bezüge zu gewinnen, pochen andere Parteien auf einen differenzierten Umgang mit der Kulturgeschichte. Das Echo in der Bevölkerung bleibt gespalten: Für manche ist Novalis ein regionaler Stolz, für andere ein gefährdetes Erbe im Spannungsfeld von Politik und Poesie.

Quellen: FAZ Online, ZEIT Online – Deutschland