Ein Leipziger Antiquar beobachtet seit Monaten eine auffällige Entwicklung im Geschäft: ungewöhnlich große Käufe seltener Bücher, oft mit historischen oder sprachlich vielfältigen Texten. Norman Lindner, Betreiber eines traditionsreichen Antiquariats in der Messestadt, berichtet von Anfragen, die deutlich über den üblichen Kundenbedarf hinausgehen. „Plötzlich werden Dutzende alter Fachbücher, Wörterbücher oder Sammlungen angefragt – oft in englischer Sprache, aber auch in veralteten deutschen Drucken“, beschreibt er das Phänomen.
Hinter den Käufen vermuten Branchenkenner Unternehmen aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz, insbesondere aus den USA. Diese benötigen große Textkorpora, um ihre Sprachmodelle zu trainieren. Dabei geht es nicht nur um aktuelle Inhalte, sondern auch um historische Sprachmuster, Rechtschreibvarianten oder Fachterminologie – genau das, was in Antiquariaten zu finden ist.
Die Entwicklungen werfen ethische und kulturelle Fragen auf: Werden wertvolle Teile des kulturellen Erbes systematisch digital abgeschöpft, ohne dass Bibliotheken oder Händler Einfluss darauf haben? Zwar handelt es sich um legale Käufe, doch fehlt oft Transparenz über die Nutzung der erworbenen Werke. Gleichzeitig könnte der Trend den Erhalt alter Drucke fördern, wenn dadurch neue Finanzierungsströme entstehen.
Leipzig, als historischer Buchhandelsstandort, steht im Zentrum dieser Entwicklung. Das Interesse an sächsischen Antiquariaten könnte ein Indiz dafür sein, dass regionale Kulturgüter zunehmend in globalen Technologiewettlauf eingebunden sind.
Quellen: MDR – Nachrichten, MDR – Deutschland