Das Staatstheater Cottbus hat zum Auftakt der neuen Spielzeit eine kritische Auseinandersetzung mit deutschen Identitätsmythen gewagt: Die Inszenierung von Friedrich Hebbels „Die Nibelungen“ unter der Leitung von Alice Buddeberg zeigt Heldentum nicht als glorreiche Tradition, sondern als Abgrund kollektiver Projektionen. Mit einer klaren feministischen Perspektive rückt die Regisseurin die oft marginalisierten weiblichen Figuren in den Mittelpunkt und entlarvt das mythologische Narrativ des Helden Siegfried als fragiles Konstrukt.
Begleitet von scharfem politischem Unterton und einem spielerischen, fast tänzerischen Ernst, gelingt es dem Ensemble, die zeitlose Brisanz des Stoffes zu unterstreichen. Gerade im aktuellen gesellschaftlichen Klima, in dem nationalistische Symbole wieder verstärkt auftauchen, wirkt die ironische Distanz der Inszenierung besonders provokant. Die Produktion verbindet literarische Tiefe mit moderner Bühnenkunst – etwa durch minimalistisches Bühnenbild, das Raum für Interpretation lässt, und choreographische Elemente, die Gewalt und Machtverhältnisse symbolisch darstellen.
Die Premiere wurde von Publikum und Kritik als mutiger Beitrag zur kulturellen Debatte gefeiert. Das Stück lädt dazu ein, historische Mythen nicht nur zu rezipieren, sondern aktiv zu hinterfragen – gerade in einer Region wie Brandenburg, in der Vergangenheit und Gegenwart oft eng miteinander verwoben sind. Mit dieser Inszenierung setzt das Theater einen klar positionierten Akzent gegen heroische Selbstüberhöhung und für eine reflektierte Erinnerungskultur.
Quellen: Der Tagesspiegel